Was geht in dir vor mein Sohn?

Manchmal frage ich mich, was in die vorgeht, mein lieber Schatz. Du bist fast 6 Jahre alt, aber über das was dich bedrückt oder beschäftigt, redest du nicht viel. Ich sehe nur, wie du vor dich hinträumst, alles um dich herum ausblendest. In deiner Welt bist du wie Frederick. Die Maus, die träumt, während alle um sie herumwuseln. Du denkst so viel nach. Aber deine Gefühle benennst du nicht.

Manchmal bist du so schlecht gelaunt, mein kleiner Sohn. Du kannst so unglaublich wütend, bockig und launisch sein. Da wird gemotzt, es kullern Tränen und die Türen knallen. Aber oft weiß nicht warum, mein Herz. Worauf bist du so wütend? Auf dich? Oder auf mich? Oder auf jemand anderen?

Manchmal sagst du, ich würde dir nie zuhören. Das macht micht traurig, mein Engel, denn oft hast du Recht. Ich versuche dir immer zuzuhören. Aber während dem Autofahren bin ich so konzentriert – ja, da blende ich automatisch alles aus. Genauso beim Lesen. Und wenn dein Bruder am Werk ist und die ganze Bude auf den Kopf stellt, schaffe ich es nicht immer, für dich ein Ohr zu haben. Das tut mir so Leid.

Wie oft sage ich dir, dass du hören sollst? Wie oft bemängel ich, dass du mir keine Antwort gibst, wenn ich mit dir rede?

Du erzählst mir lustige Witze. Zehnmal hintereinander. Und willst mit mir bis 100 oder 1000 zählen. Du zählst die Spieler auf, die dir bei deinen Fußballkarten fehlen. Und erklärst mir welcher Ninjago-Kämpfer der beste ist. Manchmal ist das alles für mich zu viel. Ich kann dir in deinen Gedanken kaum folgen. Und doch – auch wenn es mir vielleicht unwichtig erscheint – für dich ist es wichtig. Es sollte auch wichtig für mich sein.

Höre ich dir nicht zu? Oder höre ich dir nicht RICHTIG zu? Was willst du mir sagen?

Mein Lieber, du musst im Dunkeln keine Angst haben. Da ist wirklich nichts unter dem Bett, was sich versteckt. Ich krieche zu dir unter die Decke und frage was dich bedrückt. Nein, du musst nicht traurig sein, dass du nicht so gut Fußball spielen kannst wie deine Freunde. Jeder ist anders und jeder hat seine Stärken. Du musst nichts Spielen, was dir keinen Spaß macht.

Ich küsse deine Tränen weg und kuschel mich an dich. Du lachst und alles ist wieder gut. Du weißt, dass du stark bist.

Ich habe dir zugehört, mein Schatz. Ich habe dich gehört. Ich bin für dich da. Immer. Wenn du mich lässt.

Advertisements

9 Gedanken zu “Was geht in dir vor mein Sohn?

  1. Stefani

    Uns hat auch die „Milchzahnpubertät“ fest im Griff. Meine Große ist zur Zeit auch irre wütend. Auf mich, auf die Schwester, auf die Welt. Alles unfair und NIE mache ich was für sie…

    Neulich gelesen und als sehr passend empfunden: Wackeln die Zähne, wackelt die Seele!

    Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Marsha, weißt du was mich an deinem Text ganz besonders berührt? Das ich mich so gut in deinen Sohn hineinversetzten kann. Sei dir sicher, er weiß, dass du ihn liebst und für ihn da bist ❤ Immer.

    Gefällt mir

  3. Anja

    Schöner Text.♥
    Und ich danke dir, denn er kam für mich gerade zum rechten Zeitpunkt .
    Ich frage mich seit ein paar Tagen, ob es normal ist, dass mein Fünfjähriger wieder solche Wutanfälle bekommt (und das beim 4. Kind – es wird nie Routine!).

    Gefällt mir

  4. Pingback: Montasrückblick Mai – wheelymum

  5. Pingback: Monatsrückblick Mai – wheelymum

  6. Ein ängstliches großes Kind

    Ein sehr schöner, sehr liebevoller Text. Berührend. Eine kleine Gedankenanregung muss ich jedoch loswerden, weil ich das aus meiner eigenen Kindheit nur allzugut kenne. „du musst keine Angst haben“ oder „Du musst nicht traurig sein“ ist kein wirklicher Trost. Trösten heißt mitfühlen. Die Gefühle ernst nehmen: „Ich kann verstehen, dass du traurig bist, weil du heute als einziger kein Tor geschossen hast. Das ist wirklich kein schönes Gefühl, wenn nur alle andern bejubelt werden. Aber schau mal, du kannst doch dafür dies und dies besser als xy. Und wir haben dich immer lieb, egal ob du ein Tor schießt, oder nicht“. Denn auch wenn man sagt „Du brauchst nicht traurig zu sein“, IST das Kind ja trotzdem grade traurig und bei ihm kommt an, dass es falsch oder unangemessen ist, was es grade fühlt. Es fühlt sich nicht ernst genommen und lernt auch, die eigenen Gefühle nicht ernst zu nehmen „Du brauchst keine Angst zu haben…“ Zuhören ist super, nachfragen, wovor genau hast du Angst? Hast du Angst, dieses oder jenes könnte passieren? Man merkt schon, wenn man auf der richtigen Spur ist und das Kind lernt vielleicht, auch Namen für Gefühle zu finden, die es bis dato nicht so benennen konnte. Und in sich reinspüren zu können, zu fühlen, was einen wirklich bewegt, das ist eine Fähigkeit die einem das ganze Leben sehr viel nutzt. Viel zu viele Erwachsene übergehen ihre eigenen Gefühle, lenken sich ab, trösten sich mit Essen oder anderem, statt genau hinzuspüren, was sie wirklich bewegt. Gefühle teilen zu können, sich verstanden zu fühlen, das ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Daher lieber einmal mehr sagen „Ich verstehe dich…“ als „Aber du musst doch dieses oder jenes nicht fühlen…“ Ich wünsche euch beiden gute Kommunikation und gemeinsame Gefühle und dass ihr viel Grund habt, gemeinsam zu lachen 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s